Weißer Wal im Kanal…

 

Dächer schützen vor Regen. Von dort läuft der Regen in Dachrinnen, über Fallrohre ins Kanalrohr und von dort in die hoffentlich angeschlossene Zisterne… dachte ich. Doch an meinem Haus ist das Fallrohr verstopft. Statt friedlich unter die Erde in die Zisterne zu gluckern quillt das Wasser kurz über dem Boden aus dem Kanalrohr heraus.

Also schraube ich am Wochenende das Fallrohr ab und schaue im Wortsinn in die Röhre. Der Übeltäter ist schnell gefunden. Am ersten Knie steckt ein kleiner Plastikball, gerade noch in Reichweite für lange Arme.

Das ging leicht, auf zum Feierabendbier? Ein kurzer Test per Wasserschlauch zeigt: Rohr ist immer noch dicht. Taschenlampe offenbart: Da steckt noch ein Ball. Schnell füllt sich meine Sammlung.

Offensichtlich hat ein talentierter Rabe versucht, auf meinem Dach, jonglieren zu lernen. Für jeden Ball wird mein Arm etwas länger, die letzten Bälle erreiche ich nur noch mit Hilfe einer Grillzange.

Klar spielten meine Kinder früher mit ganz ähnlichen Bällen. Aber meine Kinder sind natürlich stets achtsam und bedacht. Niemals würden sie „versehentlich“ einen ihrer Bälle aufs Dach werfen.  Hatte der IKEA-Bällebad-Hubschrauber bei einem seiner Notfall-Nachschub-Flüge seine Ladung über meinem Haus verloren? Man muss ja froh sein, dass er dabei so zielsicher die Regenrinne erwischt hat. Sonst wären die Bälle noch unkontrolliert auf die Straße gerollt.

Blieb die Frage, wie sich 50mm dicke Bälle in einem 100mm dicken Rohr so verkeilen können, dass sie es verstopfen. Die zwei Federbälle alleine, die unter den Bällen klemmten, konnten das doch nicht geschafft haben.

Taschenlampe, sehr langer Arm und die 7-Köpfe-Großfamilien-Jumbo-Grillzange lieferten die Erklärung.

Der jonglierende Rabe auf meinem Dach war offensichtlich ein sehr reinlicher Geselle. Damit war das Rohr wieder frei… dachte ich.

Jedoch direkt im Knie des Kanalrohrs lauerte garstig und sperrig der Endgegner. Er hatte sich so verkeilt, dass die Grillzange ihn nicht fassen konnte.

Nach zähem Kampf erlegte ich den Widerborst schließlich mit einem Eisenhaken und einer Harpune, die ich mir aus einer alten Tomaten-Stange sägte.

Bewaffnet mit Lampe, Haken und Harpune begab ich mich ein letztes Mal auf die Jagd in die dunklen Wasser der Tiefe. Mit Geduld, Mut und Tatkraft erlegte ich ihn schließlich: den weißen Wal…

Ein IKEA-Bällebad-Hubschrauber? Vielleicht. Jonglierende Raben? Meinetwegen. Aber ein Rabe mit Schuppen? Wer glaubt denn so was. Vielleicht sollte ich doch nochmal mit meinen Kindern reden…


Plastik wegwerfen ist leicht. Das gleiche Plastik später aus Kanälen, Flüssen und den Meeren wieder rauszukriegen, ist ein großes Problem.

Millionen Tonnen Plastik schwimmen in unseren Ozeanen. Jede Minute werden es mehr, und auch deutsches Plastik landet im Meer.

Das dreckige unsortierte Zeug aus unseren gelben Säcken ist für Recycling nämlich kaum geeignet. Gerade mal 1/3 des gesammelten Plastiks wird recycelt. Plastik aus dem gelber Sack wird zum Großteil verbrannt. So macht es kurzzeitig als Fernwärme unsere Häuser warm und fliegt als CO2 für 1000 Jahre durch unserere Atmosphäre. Auch dort macht es auch warm, aber nicht nur unsere Häuser, sondern unseren ganzen Planeten. Sozusagen als Fernwärme-XXL.

Eine Millionen Tonnen Plastik pro Jahr exportiert Deutschland nach Südostasien. Dort wird es im besten Fall verbrannt. Den Rest tragen die Flüsse dort schließlich ins Meer.  Bis eine Shampoo-Flasche dort abgebaut ist, dauert es gut 500 Jahre. Vorher zerfällt sie in Mikroplastik, wird von Tieren gefressen und kommt schließlich im Seelachsfilet wieder auf unseren Teller. Guten Appetit. Daher:

Damit der nächste weiße Wal noch aus Fleisch und Blut ist oder zumindest aus Blubber.

 

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2 thoughts on “Weißer Wal im Kanal…

  1. Eine sehr witzige und gelungene Einleitung zu einem ernsten Thema.
    Ich finde es gut, dass du nicht nur darauf aufmerksam machst, sondern auch stets Beispiele gibst, wie man es besser machen kann.
    Weiter so!

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