Aufräumen

Eines Tages bei dem Versuch, mir einen Weg in die Küche zu bahnen, kam mir ein Gedanke. Während ich mit Storchenschritten durch den Flur stakste und dabei versuchte, neben Legosteinen, Matchbox-Autos und Playmobil, wenigstens ab und zu auch mal auf den Parkettfußboden zu treten, dachte ich mir: „Man könnte mal wieder aufräumen…“  Wer kennt sie nicht, diese merkwürdigen Gedanken, die sicherlich ihre Berechtigung haben, aber wie alle wirklich wichtigen Dinge im Leben sicher auch morgen noch gelten. Oder übermorgen, oder nächste Woche, oder … Ach, bald ist doch Sommer, und da sind wir sowieso nicht mehr so oft im Haus.

Als die Kinder noch kleiner waren, dachte ich: „Wie schön wird es, wenn sie erst Teenager sind. Dann haben sie nicht mehr so viel Spielzeug, und ihr Smartphone werden sie ja wohl kaum auf dem Boden rumliegen lassen.“  Zugegeben, die Idee war verlockend, aber funktioniert hat sie nicht. Wenn ich nur aus dem Zustand ihrer Zimmer auf die natürliche Lebensweise der Spezies Homo Teenagerensis schließen sollte, würde ich diese wie folgt beschreiben:

Der Teenager ist nachtaktiv. Tagsüber ruht er. Gegen Frischluft ist er allergisch, und Sonnenlicht wird in der Regel durch Rollläden aus dem Zimmer ausgesperrt („Lass zu, dass blendet. Ich kann das Display nicht sehen.“).  Jeden Abend – nach dem Aufstehen – zieht der Teenager sich um, gerne auch mehrfach.  Kleidungsstücke, die er auszieht, ermahnt der freundlich aber bestimmt, wieder in den Kleiderschrank zurück zu gehen. Die Kleidungsstücke hören aber nicht zu, sondern lauschen, nunmehr sich selbst überlassen, alleine der verlockenden Stimme der Schwerkraft und gleiten sanft zu Boden.

Dort bilden sie mit anderen Stücken der vergangenen Sommerkollektion ein reichhaltiges Ökosystem. In diesem paart Kleidung sich gerne und häufig und gebärt so neue Kleidungsstücke – anders kann ich mir den Textilienpegel der Zimmer zumindest nicht erklären. Auch die innige Vertrautheit, mit der sich dort Hosen um T-Shirts wickeln und ihre Leiber umeinander schlingen legt diesen Gedanken nahe. Ob die Jeans sich die Socken nur übergestülpt hat, um mit dem Sweatshirt Safer Sex zu praktizieren, kann ich nicht beurteilen.

Seltener packt kleinere Teilgruppen dieser Wäschegemeinschaft das Fernweh, und sie ziehen aus den angrenzenden Flur zu erkunden. Vermutlich immer dann, wenn dem Teenager das Smartphone auf den Boden gefallen ist, und er beim Versuch es wieder auszugraben alles was im Weg lag hinter sich geworfen hat.  Anregungen, das Zimmer aufzuräumen, beantwortet der Teenager je nach Kreativität und Laune mit „Prrfffttt…“ oder mit „Das Zimmer ist aufgeräumt, wenn dir meine Dekoration nicht gefällt, kann ich nichts dafür.“

Vielleicht sollte man in Klamotten für Teenager Alufolie einnähen.  Die Klamottenschicht auf dem Boden, würde dann das WLAN-Signal des Routers aus dem Keller abschirmen. So würden Teenager sicher mit dem Aufräumen beginnen.  Wenn ich das nächste Mal ein Zimmer für einen Teenager baue, kommt der Kleiderschrank nicht mehr an die Wand, sondern wird in den Fußboden eingelassen, mit Schiebetüren. Die öffnen sich jeden Morgen automatisch und die angesammelten Klamotten lauschen erneut der verlockenden Stimme der Schwerkraft…

2 thoughts on “Aufräumen

  1. Sehr treffende Beschreibung.
    Wie sagt der typische Teenager so gern: „Zuhause ist da, wo das Handy sich automatisch mit dem WLAN verbindet. Und aufräumen muss ich da erst, wenn das WLAN-Signal nicht mehr gut genug durchkommt.“
    Allerdings sollte man bedenken, dass ich letztlich eine Unterart der Teenager, die Jugendlichen, beobachtet habe. Im Großstadtdschungel schienen sie seltsamerweise sogar Anzeichen von Respekt und Disziplin an den Tag zu legen, als sie zum Beispiel einer alten Frau über die Straße halfen. Vielleicht unterscheiden sich die Jugendlichen ja auch noch in anderen Punkten von den gemeinen Teenagern.

    Gruß,
    Ein humanoides Lebewesen aus der Lebensphase der Adolescentia

    1. Hallo Vickypedia,
      danke für den Beitrag. Mangelnder Ordnungssinn und Respekt müssen sich ja nicht gegenseitig ausschließen. In der Tat kann man viele Teenager in freier Wildbahn beobachten mit sehr guten Ansätzen, Respekt und vielversprechendem Potential. Ich hoffe, dass es der Gesellschaft in Zukunft gelingt, diesen die Bühne zu bieten, die sie verdienen. Denn gerade die Menschen, die respektvollen Umgang und Höflichkeit noch leben, sollten wieder stärker in den Fokus rücken dürfen und die gebührende Anerkennung und Aufmerksamkeit dafür erhalten.

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