Abschlussprüfung

„Huch, jetzt habe ich mich aber erschreckt! Das konnte ja wirklich keiner ahnen. Können die einen denn nicht vorwarnen! Woher hätte ich denn wissen sollen, dass ich im März eine Abiprüfung schreiben muss!“

So oder so ähnlich geht es aktuell wieder Teenagern überall in Deutschland, ebenso wie meiner Tochter: „Die E-Phase ist doch erst knapp zwei Jahre her und jetzt soll man auf einmal eine Prüfung schreiben. Wenn mir das am Anfang mal jemand gesagt hätte, hätte ich natürlich umgehend mit Lernen angefangen. Ja, selbstverständlich hätte ich dann die acht Staffeln Game of Thrones nicht drei Mal hintereinander geschaut, sondern mich konzentriert auf die Prüfungen vorbereitet! Aber jetzt am Ende ohne Vorwarnung solche Prüfungen reinzudrücken, was soll denn das!“

Ich nicke stumm. Es ist aber auch eine Unverschämtheit, was die Schulen da von unseren Kindern erwarten. Die sollen sich für die Prüfungen doch tatsächlich an Unterichtsinhalte erinnern – an Unterrichtsinhalte aus dem vergangenen Schuljahr! Wo gibt’s denn sowas?

Kaum aber hat sich das Teenagerix aufgerafft, nun doch erstmalig die Schulbücher zu Rate zu ziehen – viel zu früh selbstverständlich, denn bis zu den Prüfungen ist ja noch reichlich Zeit – da scheint es, als würde sich die ganze Welt gegen sie verschwören, nur um diese hochmotivierten Lernjunkies gewaltsam daran zu hindern, ihre Schulbücher zu erkunden. Erst waren Ferien, dann Weihnachten. Danach kam völlig überraschend Silvester. Kaum aber, dass der Neujahrskater vorüber war, fängt auch schon die Schule wieder an und man muss jetzt erst mal Klausuren schreiben. (Wohlgemerkt: Schreiben, nicht etwa dafür lernen…).

Kaum ist das geschafft, gibt es die nächste Hürde. „Ich kann so nicht lernen und schon gar nicht Mathematik!“, stellte Kind fest: „Mein Zimmer ist nicht aufgeräumt. So kann ich mich nicht konzentrieren!“

Damit hatte ich nicht gerechnet! Eben dieses Zimmer, dessen Tür ich seit Jahren nur noch dann aufkriege, wenn Frau und ich uns gemeinsam dagegen stemmen, um den dahinter liegenden Wäscheberg wegzuschieben? Dieses so klinisch reine, ordentliche Domizil, von dem ich nicht einmal mehr weiß, welche Farbe der Fußboden hat? Dieses Ökoparadies für einsame Socken, ausrangierte Blusen, von Pizzaresten verklebten Chipstüten und vermutlich dunkles Grab vereinzelter Exfreunde, die nach gemeinsamer Nacht verloren gingen, bei dem Versuch, sich durch die Klamottenberge einen Weg zum Ausgang zu bahnen?

Mindestens seit der Jahrtausendwende hatten wir darum gekämpft, dass unser Teenager in seiner Gruft zumindest ein paar Fluchtwege freischaufeln möge, damit das Jugendamt die Klage wieder zurückzieht, doch vergeblich. Selbst als in den Wikipedia-Artikeln zum Messie- und zum Diogenes-Syndrom Bilder unserer Kinderzimmer prangten, entlockte dies unserem Teenager lediglich ein: „Na und? Mein Kleiderschrank ist erkältet und hat gerade geniest!“

Doch jetzt sollte eben dieses Zimmer daran Schuld tragen, dass meine arme Teenarella kein Mathe lernen kann! Das musste ich genauer verstehen. Nach intensiven Forschungen zu diesem Thema gehe ich mittlerweile davon aus, dass Schulbücher beim Anblick dreckiger Wäsche schrille Schmerzensschreie ausstoßen. Diese liegen in einem Frequenzband, das ausschließlich von Teenagern wahrgenommen wird und sofortige Schlafanfälle auslöst. Hätte ich das nur früher gewusst, hätte ich schon längst ein offenes Geschichtsbuch in die Zimmer geworfen, wenn die Kinder sich mal wieder die Nacht an der PlayStation um die Ohren schlagen.

Na ja, ich drücke allen Abiturienti die Daumen, dass ihre Prüfungen erfolgreich verlaufen. Und wer nochmal sagt, dass man in der Schulzeit nichts Vernünftiges lernt, der irrt: Unser Haus sieht zur Zeit wirklich pikobello aus. Wenn unsere Kinder mal ausgezogen sind, werde ich ein Zimmer an Studenten vermieten. Aber nur an solche, die kurz vor den Abschlussprüfungen stehen….

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