Der Gespenstilator

Wenn man über Kinder schreibt, darf ein Thema nicht fehlen: „Kind, es ist Zeit, ins Bett zu gehen.“

Kinder ins Bett bringen (und sie dort zu lassen) ist nicht immer einfach. Bei Tochter 1 dauerte es mitunter zwei Stunden, bis sie eingeschlafen war. Bei Tochter 4 hingegen waren es von der ersten Matratzenberührung bis zum Einsetzen der Schnarchgeräusche weniger als vier Sekunden! Sie hat quasi den schwarzen Gürtel im ruckartigen Einschlafen aus der halben Drehung.

Nachts dann aber tapste regelmäßig eines der Kinder in unser Schlafzimmer, klagte es hätte Angst und krabbelte zwischen Frau und mich ins Ehebett. Eigentlich ja ganz nett, jedoch muss unser Schlafzimmer auf irgendeinem ungewöhnlichen Magnetfeld stehen: Kaum lag ein Kind im Ehebett verwandelte es sich umgehend in einen rotierenden Kreiselkompass. So versucht man dann vergeblich einzuschlafen, während einem das Kind in die Seite drückt, gegen den Hals schlägt oder man versehentlich einen Kinderfuß verschluckt.

Schon bald konnte ich linke und rechte Kinderfüße alleine am Geschmack unterscheiden, und es wurde klar: So geht das nicht weiter! Wir haben dann neben unserem Bett eine Notfallmatratze installiert. Nach leichter Überzeugungsarbeit konnte ich Frau auch dazu bewegen, dass diese nicht für mich, sondern für die Kinder gedacht war, und wir konnten endlich wieder halbwegs durchschlafen.

Nun hat sich die Zahl unserer Kinder im Laufe der Jahre kontinuierlich erhöht, und auf der Notmatratze wurde es bald zu eng. Außerdem blieb das Gefühl, dass Kinder früher oder später auch in ihrem eigenen Bett schlafen sollten. Wir versuchten daher eine andere Taktik:

„So Kind, schlaf gut. Heute bleibst Du mal in deinem Bett. Mama und Papa sitzen noch im Wohnzimmer.“

„Papa, ich habe aber Angst, dass Gespenster in mein Zimmer kommen.“

„Da kann ich helfen! Ich streue vor deine Tür Anti-Gespenster-Salz. Siehst Du, das mögen Gespenster nicht, da laufen die nicht drüber.“

„Papa, aber wenn die Gespenster schweben können…?“

Kein Problem, schnell war eine weitere Gespensterfalle gebaut – der Gespenstilator! Vor das Zimmer stellte ich einen Ventilator, und auf den Einschaltknopf legte ich ein dünnes langes Brett. Wenn sich jetzt Gespenster dem Zimmer nähern, würden sie auf das Brett treten, den Ventilator in Gang setzen und flugs aus dem Fenster geweht werden.

Zugegeben, die Konstruktion wies eine kleinere Inkonsistenz auf bezüglich der notwendigen Interaktion von in der Luft schwebenden Gespenstern mit dem am Boden liegenden Auslöser des Gespenstilators. Aber das Kind war zufrieden und schlief selig ein.

Nach einem ruhigen Abend dann wollte auch ich ins Bett und machte mich auf den Weg ins Schlafzimmer,… vorbei am Kinderzimmer.  Als ich auf das Brett trat, hörte ich noch das Klicken des Gespenstilators. Dann packte mich der Windzug und pustete mich haste was kannste aus dem Fenster. Zum Glück konnte ich mich am gegenüber liegenden Laternenmast festhalten und so einen unfreiwilligen Stadtrundflug verhindern. Erneut kämpfte ich mich bis zum Kinderzimmer vor, künstlich beschwert durch zwei Zementsäcke, dich ich mir in die Hosentaschen steckte. So konnte ich schließlich den Stecker erreichen und den Gespenstilator entschärfen, bevor ich verdient in mein kinderfreies Ehebett fallen konnte.

Da sich die Monster- und Gespensterfallen als derart tückisch erwiesen, wurde auch weiterhin regelmäßig die Notmatratze gebraucht. Immerhin konnten die Kinder mittlerweile sagen was sie bedrückte. Es entwickelte sich mit der Zeit ein regelrechter Wettbewerb, wer die besten Angstausreden hatte. Bald waren es nicht einfach nur Gespenster, sondern langbeinige Staubspucker oder hinkende Bettzeugschlürfer, die die Kinder ins Schlafzimmer trieben.

Auch die von mir erfundenen Abwehrstrategien wurden ausgefeilter. Staubspucker bekämpften wir durch Zimmer saugen, weil sich Staubspucker in sauberen Zimmern nicht wohl fühlen. Diese Methode war überaus wirksam:  Nachdem ein Kind zweimal sein Zimmer saugen musste, kam nie wieder ein Staubspucker vorbei!

Gegen die Bettzeugschlürfer machten wir Knoten in die Ecken der Decke, an denen sich die Unholde verschluckten. Bald schon vertrieben wir jede neue Monsterart durch eine individualisierte „Vertriebsstrategie“, und die Kinder schliefen endlich, endlich in ihren eigenen Betten, bis zu jenem Tag…

In jener Nacht erreichte uns eine Bedrohung, die mich sprachlos erschauern ließ: Kurz vor Mitternacht, Tochter 2 tapste zu uns ins Schlafzimmer. Mit brüchiger Stimme setzte sie an und weinte:

„Papa, ich hab‘ Angst! – Ich habe Angst vor … vor … vor Trinkbechern!!“  An diesem Abend schlief Tochter 2 erneut im Ehebett.

Über viele Jahre war dies der unangefochtene Rekord für nächtlich kreative Angstausreden. Und so wäre es auch geblieben, wäre da nicht Tochter 4… Eines Abends hören wir wieder das vertraute Tapsen auf dem Flur. Die Schlafzimmertür geht auf und Tochter 4 kommt in das Schlafzimmer.

„Na, Kind, was ist es denn diesmal?“, frage ich. Die Antwort kam prompt und ohne jedes Zittern:

„Gar nichts!“, schnaubte die Tochter und schmiss sich auf die Matratze. Noch in der gleichen Sekunde fing sie an zu schnarchen und gab bis zum Morgen keinen weiteres Wort von sich.

Epilog

So endet diese Geschichte, wie man 5 Kinder ins Bett bringt. Über die Jahre wurde sie oft erzählt, während die kleinen Kinder größer und größer wurden. Immer seltener kamen sie nachts zu uns, und die Notmatratze wanderte auf den Dachboden.

Andere Themen traten in den Vordergrund, und ich schmiedete statt dessen Pläne für weltweiten Frieden und die Rettung der Welt. Aber die funktionierten nicht besser als der Gespenstilator.

Eines Abends dann höre ich wieder das Tapsen: Sohn Nummer 5 hatte Albträume. Für das Ehebett ist er schon lange zu groß, und es ist keine Notmatratze in Sicht – die Welt wird immer schlechter. So fällt der völlig verängstigte Sohn in meinen Arm.

Beruhigend rede ich zu ihm, dann trage ich ihn langsam zurück in sein Zimmer. Dort setze ich mich neben sein Bett und summe langsame Melodien, bis er wieder eingeschlafen ist. Ich bleibe noch eine Weile sitzen und lausche seinen ruhigen gleichmäßigen Atemzügen. So habe ich anscheinend doch noch eine Welt gerettet. Eine kleine Welt zwar, aber die wichtigste, die es in dieser Nacht gab!

1 thought on “Der Gespenstilator

  1. da wo Gespenster so liebevoll in ihre Schranken verwiesen werden und alle Angstgründe sich in Wölkchen über einem kuscheligen Bett in Elternnähe auflösen,
    da möchte man noch mal Kleinkind sein!

    Tammo

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